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Vom Geben, Nehmen und Lernen

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Häfen haben einen besonderen Reiz. Ein ständiges Kommen und Gehen. Hier werden Geschichten geschrieben und Geschichten enden. Immer geht es um das eine: Menschen reisen und kommen mit anderen in Kontakt . Im Gegensatz zu einem Wohnzimmer oder der Kirche, sind Häfen ohne Verpflichtungen, denn jeder der kommt, weiß dass der andere nicht lange bleibt, und wenn doch, dann geht ein anderer schon bald wieder.

Schon als kleines Kind war ich fasziniert von Häfen und den Schiffen. Wenn ein Schiff einläuft, ist oft noch unbekannt, woher es kommt und zu welchem Zweck. Doch meine Geschichte handelt heute von Menschen, die in Häfen leben: von Juan Pedro, dem Schiffselektriker und nebenbei auch Schiffsmechaniker, wobei er sagt, als Elektriker sei er ein wenig besser.

Wir kamen nach Cartagena mit verschiedenen noch unbekannten Problemen an unserer SY MAGIC. Die letzten 6 Monate hat sie in Valencia verbracht und sehnsüchtig auf ihren nächsten Einsatz gewartet. Wegen Corona mussten bereits die ersten drei Törns ausfallen, aber nun war endlich ein Weg gefunden, um das Schiff zurück nach Deutschland zu bringen. Dort können wir dann im Sommer und Herbst Törns mit einfacherer Anreise auf Nord- und Ostsee für junge Erwachsene mit Krebs anbieten.

Juan Pedro hatte davon erstmal keine Ahnung. Wir waren ein Schiff wie schon so viele in Cartagena ankamen. Alle haben sie Sorgen und Nöte, und immer muss es schnell gehen. Also kam er noch am Samstagabend an Bord und verschaffte sich einen ersten Überblick. Ein rothaariger Blondschopf, der so gar nicht nach Spanien aussieht. Einer seiner häufigsten Sätze der nächste 4 Tage: „No Problem Captain, I will look.“

Montag kam er wieder abends und blieb bis 21:00 Uhr. Erste Diagnose: die Batterien haben keine Leistung mehr und müssen ausgetauscht werden. Der Turbolader unseres alten Yanmar Diesel wurde zwar erst im vorherigen Frühjahr erneuert, war aber blockiert durch Ablagerungen aus Ruß und Korrosion. „No Problem Captain, I will look.“ Und dabei fand er noch zwei angerissene Kühl- und Abgasschläuche, einige wacklige Steckverbindungen und einen Konstruktionsfehler beim Anlasser, der sich ganz leicht über ein Relais beheben ließe. Sehr ärgerlich war, dass auch die Lichtmaschine, die noch im November im Valencia (angeblich) repariert wurde, doch noch nicht die Batterien lud. Am Dienstag wurden dann bereits die Batterien geliefert, die wir zum Selbstkostenpreis bekamen, und wieder abends eingebaut. Mittwoch in der Früh, eigentlich um 8:00 Uhr aber dann doch erst um 9:30 Uhr (Spanier…egal ob rot-blond oder nicht) war er wieder da, mit reparierter Lichtmaschine unterm Arm und bis Mittag war alles eingebaut, angepasst und funktionierte wieder.

Jetzt kommt der spannende Teil der Geschichte: Natürlich habe ich ihm von Segelrebellen erzählt und was wir machen. Oft inspiriert das, um uns mit einem Nachlass/Rabatt zu unterstützen und Pedro hat ohne lange zu Zögern 150 € abgezogen. Wow, das war echt großzügig!
Als ich dann kurz später unsere Hafengebühr der Banditen und Rüber hinter der Hafenmauer bezahlte, war ich über die Summe von 360 € für 4 Nächte sehr erschrocken und verärgert. Die Rechnung von Pedro über 800 € erschien dagegen wie ein schlechter Witz. Er war sicher 12 oder 15 Stunden bei uns an Bord gewesen. Hat sich in alle möglichen Ecken gekrümmt und verbogen, um unserer Lady wieder Schwung zu verleihen. Die 150 € Nachlass fühlten sich nicht mehr richtig an. Spanien ist sicher kein teures Land, aber etwa 50 € Stundenlohn für zwei Handwerker, die eine perfekte Arbeit leisten und wie ein guter Physiotherapeut nicht nur den Schmerz behandeln, sondern auch die Ursache suchen, müssen einfach anständig bezahlt werden. Wir wären keine Segelrebellen, wenn wir Missstände ignorieren.

Pedro war schon wieder auf einem anderen Schiff im Maschinenraum verschwunden. Der Eignerin erzählte ich die Geschichte und gab ihr die 150 € für Pedro. Sie möge ihm bitte ausrichten, dass er auf unserer Magic wahre Zauberkünste vollbracht hat und ich die 150 € nicht annehmen kann. Die gute Frau nahm ihre Sonnenbrille ab, dort waren kleine Tränen vor lauter Rührung zu sehen. Sie meinte, so etwas erlebt man nicht oft und bedankte sich für die Inspiration. Pedro hat uns alle irgendwie inspiriert, selbst wenn er es gar nicht wollte. Falls ihr mal einen guten Elektriker oder Mechaniker für euer Schiff braucht, segelt nach Cartagena und fragt nach Juan Pedro oder sucht seinen weißen Mercedes Sprinter. Es heißt, er sei 7 Tage die Woche da 🙂

Die Welt ist gar nicht so schlecht, wie es uns suggeriert wird. Sie ist richtig toll, bunt und fröhlich, wenn wir nur genau hinsehen. Es gibt Menschen die großartiges leisten, ohne sich dafür tagein tagaus feiern zu lassen. Die einfach ihren Job ehrlich und gut machen, ohne die Nöte und Sorgen anderer zu ignorieren. Wie oft geht ein gesparter Euro auf Kosten anderer, die dafür verzichten müssen. Ich bin zufrieden mit meinem Leben, bin wunschlos glücklich und feiere jeden neuen Morgen. Da fühlte es sich richtig, die Leistung eines anderen mit eigenen Mitteln zu honorieren und schließlich sogar dem netten Paar auf dem anderen Schiff den Tag zu verschönern. Wieso auch nicht…

Die unscheinbaren Momente, die wir erkennen, inspirieren uns am meisten.

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