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Bordphilosophie – Von Wellen und Wolken

Wieso geht ihr zum Segeln, setzt euch den Gefahren und der Unbill des Meeres aus, wenn ihr doch auch zuhause bei den Lieben und im Warmen sitzen könnt, was treibt euch bloß da hinaus? Gedanken, denen der Oberrebell mitten in der Nacht nachhängt, als er mit seiner frischen Rebellencrew von Lanzarote nach Gibraltar segelt, irgendwo dazwischen, auf dem Atlantik.

Es ist kurz vor Sonnenuntergang, als Franziska und Ulla an Deck kommen und ihre Wache beginnen. Die Sonne versinkt achteraus im Meer und wir sinnieren darüber, ob nicht jeder Sonnenuntergang und Sonnenaufgang gleich aussieht. Die Kulisse ist dennoch jedes Mal wieder spannend. Der Tag geht zu Ende, es ist einfach zu spüren. Irgendetwas legt sich dann über das Meer, eine besondere Stimmung, die man einfach spürt und der man sich nicht entziehen kann. Der Horizont färbt sich rot und der Himmel scheint in vielen rötlichen und violetten Tönen. Die Gedanken werden ruhiger und kurz ist Zeit über den Tag zu sinnieren.

Wieso funktioniert das an Land nicht?

Ist es die Weite des Meeres und der freie Blick? Nichts stellt sich dem Auge in den Weg, wenn der Blick rundum bis zum Horizont schweifen kann und durch nichts unterbrochen wird. Nur hunderte oder gar tausende von Wellen, die alle so unterschiedlich sind, dass keine der anderen gleicht, und dennoch sind sie alle die gleichen Wellen. Sie werden vom Wind geformt und haben tausende von Meilen zurückgelegt, um uns zu erreichen. Sie haben die Welt gesehen, mit ihren dunklen und hellen Momenten. Nur erzählen sie keine Geschichten, von dem was sie gesehen haben. Sie sind stille Berichterstatter aus der Vergangenheit. Das macht sie wiederum so besonders und etwas mystisch. Mit ihnen schimmert das Meer in einem satten blau, wie man sich das Meer eben vorstellt. Heißt es am Atlantik deswegen Blauwassersegeln? Wo kommen diese Gedanken her, wieso sind auf einmal die Farbe des Meeres und die rot-graue Schattierung des Abendhimmels so faszinierend?

Wenn ich auf dem Schiff sitze und aufs Meer hinaus schaue, dann sehe ich nur Wellen und Wolken. Zu wissen, dass ich hier alleine bin, dass mir niemand vor den Bug laufen oder sonst etwas passieren kann, ist ein unglaublich sicheres und schönes Gefühl. Es ist weder bedrohlich noch beängstigend, vielmehr besänftigt es. Das Schiff schaukelt beständig durch die Wellen. Auf und ab, manchmal etwas heftiger und im nächsten Moment auch seitlich. Erinnert es uns vielleicht an die unbewusste Zeit als Ungeborenes, wenn wir im warmen Sabber und Schleim schwimmen und von den Problemen und Sorgen in dieser Welt noch gar nichts wissen? Bis dass wir dann plötzlich zu groß werden für den Mutterschoß und den Weg in die Welt antreten, die uns dann mit aller Härte trifft, ein Schlag und lautes Schreien. Du lebst, du bist da!

Wahrscheinlich ist es erneut die Weite und die Freiheit auf dem Meer. Die Freiheit sich solchen Eindrücken hinzugeben und sie in sich aufzusaugen. Statt ein Handy oder Fernsehbild zu betrachten, entdecken wir die Dinge um uns herum und uns selbst darin. Klingt das so esoterisch? Meine besten Eindrücke auf dem Meer sind die Freiheit, die Weite und die Ungebundenheit, die es erlauben ganz ruhig zu werden, in sich zu gehen und nach Fragen zu suchen, die noch nicht beantwortet werden. Lukas nannte es Entschleunigung: Alles geht langsamer hier an Bord. Die Zeit, die Gedanken, die Atmung, du wirst einfach ruhiger und spürst eine tiefe Entspannung. Vielleicht ist es das, wieso wir segeln gehen. Um die Ruhe und Muse zu finden, um Antworten auf Fragen zu finden. Wer trägt sie denn nicht mit sich rum, die Fragen nach dem Sinn, nach der Zukunft und dem Wieso?

Mit unserem Hintergrund und den teils tragischen Erfahrungen der letzten Monate und Jahre, türmen sich viele Fragen auf. Wie möchte und wie kann ich mein Leben leben? Was kann ich selbst beisteuern, um gesund zu bleiben, mental wie körperlich? Will ich mein Studium fortsetzen, ist die Beziehung die richtige oder muss ich Dinge an mir selbst ändern, die mir im Weg stehen um mein Glück zu finden? Fragen, die sich nicht schnell und einfach beantworten lassen. Aber das Meer, das Meer gibt dir die Zeit, die du brauchst. Es hetzt dich nicht, aber es stellt dich manchmal auf die Probe. Ein sehr guter Freund hat erst kürzlich gesagt: „Das Meer ist nicht nett, aber es ist fair und gibt jedem seine Chance.“ Wie Recht er doch hat! Während das Leben manchmal mit uns spielt, ist das Meer eine Herausforderung, die man bewältigen kann. Jeder hat seine Chance, damit zurecht zu kommen und zu bestehen.

Mir gibt diese Erfahrung eine große Stärke, zu wissen, dass es nicht vom Zufall abhängig ist, sondern von meinem Einsatz und meiner Willensstärke. Deswegen gehen wir segeln: Um zu bestehen und uns zu erleben. Wenn dann nachts der Mond über das ganze Meer scheint und eine lange Lichtschleppe unserer Heckwelle in seine Richtung deutet, die Wellen sich in unterschiedlichen Grautönen vermengen, wenn wir kurz Ruhe und solche Gedanken finden, dann wurde eine Frage bereits beantwortet.

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